Der Mensch - ein Tragling

Babys kommen mit einem Steinzeit-Programm zur Welt: Damals zogen die Menschen von Ort zu Ort, sie schliefen gemeinsam am Lagerfeuer und überall lauerten wilde Tiere. Der einzig sichere Platz für ein Baby war dicht am Körper eines Erwachsenen. Nur da konnte es wirklich sicher sein, immer mitgenommen zu werden. Nur da konnte es ganz entspannt und ohne Angst einschlafen. Und nur da konnte es seine Bedürfnisse wie z.B. Hunger ohne viel Aufwand mitteilen.

 

Jahrhunderte und Jahrtausende lang wurden Babys in allen Kulturen der Welt am Körper getragen. Auch in unseren Breitengraden. Der Kinderwagen - so hilfreich er zwischendurch sein mag - wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden und entspricht so gar nicht unserer Natur. Denn wir wissen heute: Menschenbabys gehören zum Jungentypus Tragling.


Der Jungentypus "Tragling"

In der Natur gibt es drei Jungentypen. Zu den "Nesthockern" gehören zum Beispiel junge Mäuse oder Vögel. Sie werden völlig nackt, blind und hilflos geboren und hocken wortwörtlich im Nest, während ihre Eltern auf Nahrungssuche gehen. Um zu überleben, müssen sie sich ruhig verhalten und ausharren, bis die Eltern zurück kommen. Die "Nestflüchter" sind Herdentiere wie Elefanten oder Pferde. Sie stehen kurz nach der Geburt auf und folgen der Herde. Für sie ist der Sichtkontakt lebensnotwendig. Ist die Herde zu weit entfernt, besteht die Gefahr, dass sie zurückbleiben und von Raubtieren gefressen werden. Zu den "Traglingen" gehören nebst dem Menschen auch Affen und Krokodile. Diese Arten tragen ihre Jungen mit sich herum, denn sie sind noch nicht genug selbständig, um sich selbst fortzubewegen und - ganz wichtig - sie müssen am Körper der Eltern nachreifen. Für diese Jungen ist der Körperkontakt lebensnotwendig. Sich nicht am Körper zu befinden, bedeutet höchste Gefahr.

 


 

Dass Babys fürs Tragen gemacht sind, kannst du gut selbst beobachten. Zum Beispiel ziehen schon Neugeborene automatisch die Beine in die sogenannte Anhock-Spreiz-Haltung an, die perfekte Körperhaltung, um getragen zu werden. Und schon bald helfen die Kleinen aktiv mit und stabilisieren sich immer besser am Körper des Erwachsenen. Auch der Greifreflex der Hände und Füsse ist ein Hinweis darauf, sowie der Nachgreifreflex (Moro-Reflex), wenn ein Baby erschrickt und das Gefühl hat, zu fallen.

 

Die Evolutionsbiologie liefert die Erklärung dafür: Als nämlich die Menschen noch als Jäger und Sammler ein nomadisches Leben führten, war es für ein Baby lebensnotwendig, getragen zu werden. Abgelegt zu werden bedeutete, zurückgelassen zu werden - und dies war der sichere Tod, denn alleine konnte das Baby nicht überleben und Fressfeinde lauerten überall.

 

Und heute? Die Gesellschaft hat sich gewandelt, wir sind sesshaft und zivilisiert. Doch die alten Instinkte sind geblieben. Ein Baby weiss noch nicht, dass es im kuscheligen Babybettchen nicht von einem Säbelzahltiger gefressen wird. Nur in den Armen einer Bezugsperson fühlt es sich so richtig sicher. Weint dein Kind, wenn es allein ist oder du es ablegst, ist dies also eine ganz normale Reaktion - ein raffinierter Sicherheitsmechanismus der Natur. Ignoriere dieses sogenannte "Kontaktweinen" deines Babys nicht. Auch wenn tatsächlich keine akute Gefahr besteht, ist dein Baby in höchster Alarmbereitschaft und in einem ungesunden Stresszustand. Nimm es in den Arm, gib ihm die Sicherheit, die es braucht.

 

Es gibt auch Babys, die den Körperkontakt weniger stark einfordern. Das Tragen lohnt sich auf jeden Fall trotzdem, denn es stärkt die Bindung zwischen Eltern und Kind und unterstützt wichtige Funktionen wie den Gleichgewichtssinn, den Atemrhythmus, die Körpertemperatur und hat viele weitere Vorteile.